Wenn Beate Schöller (Name von der Redaktion geändert) aus Bielefeld mit ihren Kollegen in die Universitäts- Mensa geht, hat sie immer ihre eigene Salatsoße dabei. Zudem studiert die Biologin genauestens die Zutatenliste für jeden Snack, den sie zu sich nimmt. Ein falscher Bissen könnte die 27-Jährige das Leben kosten, denn Schöller leidet unter einer lebensbedrohlichen Allergie. Seit zehn Jahren weiß sie, dass sie den Verzehr auch geringer Spuren von Erdnüssen um jeden Preis vermeiden muss. Schon als Vierzehnjährige litt Schöller an Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis. Später kamen noch zahlreiche Nahrungsmittel- und Medikamentenallergien hinzu. Aber was ihr im Januar 1998 widerfuhr, stellte alle bisherigen allergischen Reaktionen in den Schatten.
Sie saß mit ihren Eltern beim Abendessen, es gab Brot und eine Champignonsuppe aus der Tüte. Gerade hatten die drei begonnen, den Tisch abzuräumen, da schwoll mit einem Mal Beates Gesicht an. „Mein Gesicht fing an zu glühen, die Hände wurden eiskalt und kribbelten. Mir wurde übel, und ich dachte, ich ersticke“, erinnert sie sich. Zum Glück saß ein Arzt mit am Tisch: Schöllers Vater erkannte die Symptome des anaphylaktischen Schocks, der heftigsten Form einer allergischen Reaktion, und spritzte sofort Cortison. Schon nach wenigen Minuten ging es Beate besser. Bis sie sich wieder ganz erholt hatte, dauerte es aber einige Tage.
Dann begann die Suche nach dem Auslöser: Auf Nachfragen bei der Herstellerfirma der Tütensuppe erfuhr Schöller, dass das Produkt Erdnusseiweiß enthielt, einen Stoff, auf den sie auch bisher schon allergisch reagiert hatte – allerdings nicht in diesem Ausmaß. „Seitdem weiß ich, wie gefährlich Erdnüsse für mich sind“, sagt die Biologin. So gefährlich, dass sie das Kino verlassen muss, wenn jemand ein paar Reihen weiter eine Tüte Erdnussflips aufreißt, da sie sonst Asthmaanfälle bekommt.

Gefährliche Nahrungsmittel

„Knapp 3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und Österreich leiden unter Nahrungsmittelallergien“, sagt Professor Margitta Worm, stellvertretende Leiterin des Allergie-Centrum- Charité in Berlin und Leiterin des bundesweiten Notfall-Registers für schwere allergische Reaktionen.
Säuglinge und Kleinkinder sind doppelt so häufig betroffen wie Erwachsene. Sie reagieren vor allem auf Grundnahrungsmittel wie Milch, Ei oder Weizen und zunehmend auf Erdnüsse. Bei Jugendlichen und Erwachsenen sind dagegen meist Nüsse und bestimmte Obst- und Gemüsesorten die Auslöser. Viele der betroffenen Kinder haben Glück: Bei drei von vieren verliert sich die Nahrungsmittelallergie im Laufe der Jahre wieder. „Bei jedem zehnten Betroffenen ist die Allergie so schwer, dass er schon einmal einen lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock mit Atemnot und Kreislaufkollaps erlitten hat“, erklärt Worm.
Dem Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) zufolge sind bisher über 120 Lebensmittel bekannt, die eine Allergie auslösen können. Die wichtigsten müssen seit 2005 EU-weit auf den Etiketten abgepackter Lebensmittel deklariert werden: glutenhaltige Getreide wie zum Beispiel Roggen, Weizen und Gerste, Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Sojabohnen, Milch, Schalenfrüchte, Sellerie, Senf und Sesamsamen sowie alle mit diesen Zutaten hergestellten Erzeugnisse. Auch Schwefeldioxid und Sulfite müssen ab einer bestimmten Konzentration angegeben werden.
„Eine Nahrungsmittelallergie kann einem ganz schön die Suppe versalzen“, meint Dr. Imke Reese, Vorsitzende der Arbeitsgruppe zum Thema Ernährung bei Allergien und anderen Unverträglichkeiten in der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Schließlich sind einige der häufigsten Auslöser beim Kochen und Backen kaum wegzudenken. Ein Rührkuchen ohne Ei? Ein Pudding ohne Milch?
Lässt sich in der eigenen Küche mit Alternativen wie Hafer- oder Reismilch zum Anrühren von Süßspeisen die Gefahr bannen, so bleiben verarbeitete Lebensmittel für schwere Allergiker problematisch: „Allergene können auch versehentlich dazugeraten, beispielsweise, wenn auf demselben Förderband nacheinander Müsli mit und ohne Erdnüsse abgepackt wird. Um sich abzusichern, drucken viele Hersteller inzwischen Warnhinweise wie ‚Kann Spuren von Erdnüssen enthalten‘ auf die Verpackungen. Das macht die Auswahl für die Betroffenen nicht eben leichter“, erläutert Reese. „Bei loser Ware wie Fast Food besteht zudem keine vollständige Deklarierungspflicht für Hauptallergene.“
Angriff der Antikörper

„Eine Lebensmittelallergie ist eine Überreaktion des Körpers“, erläutert Dr. Ernst Rietschel, Vorsitzender der Westdeutschen Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Allergologie in Köln. „Der Körper sieht in der allergieauslösenden Substanz, dem sogenannten Allergen, das ihn über die Nahrung, das Einatmen oder auch über Hautkontakt erreicht, einen Angreifer. Dagegen bildet er sogenannte IgE-Antikörper. Diese stimulieren andere Zellen, Stoffe wie beispielsweise Histamin auszuschütten, die Entzündungen hervorrufen.“
Viele Betroffene fühlen anfangs ein Prickeln in der Mundhöhle und auf den Lippen. Dann läuft die Nase, die Augen tränen, die Haut juckt, es bildet sich Ausschlag. Erbrechen, Magenkrämpfe und Durchfall können ebenso folgen wie Atemnot und Asthma oder Blutdruckabfall bis zur Ohnmacht. Im schlimmsten Fall droht der anaphylaktische Schock, wie ihn auch Beate Schöller erlitten hat. „Dabei ist die Reaktion so heftig, dass sie Atemnot, Angstgefühle, Schwindel, Bewusstlosigkeit und Kreislaufversagen auslösen – und sogar zum Tod führen kann“, erklärt Professor Johannes Ring von der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Technischen Universität München.
„Allergiker, die eine so heftige Reaktion erlebt haben, fühlen sich nie sicher, da sie nicht wissen, wie schlimm ihre Reaktion beim nächsten Mal ausfallen wird“, beschreibt DAAB-Sprecherin Sabine Schnadt die Situation der Betroffenen.
Mit dieser Unsicherheit lebt auch Elke Walkenhorst aus Beetzsee in Brandenburg. Die medizinisch-technische Angestellte will ihrer Figur und ihrer Gesundheit etwas Gutes tun, als sie 2004 für ihre Frühjahrsdiät zu Sojadrinks greift. Zwar leidet sie seit Jahren an Heuschnupfen. Aber dass diese Tatsache sie für eine Lebensmittelallergie anfälliger macht und Soja zu den wichtigsten Allergenen gehört, weiß sie nicht.

„Die ersten Tage merkte ich nichts. Doch als ich zu Anfang d e r zwe i t e n Woche ein weiteres Glas Sojamilch leerte, begann mein Hals mit einem Mal wie verrückt zu jucken, und ich fühlte mich, als hätte ich einen schweren Schlag bekommen“, erinnert sich die 56-Jährige. Sie fällt sogar in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kommt, schleppt sie sich zu ihrer Nachbarin. „Die rief dann den Notarzt“, erzählt Walkenhorst. „Der gab mir eine Cortisonspritze – und der Spuk war wie weggeblasen.“
Inzwischen weiß sie, dass sich Allergien im Lauf des Lebens in Umfang und Intensität ändern und sogenannte Kreuzallergien auftreten können. „Pollenallergiker entwickeln häufig auch eine Lebensmittelallergie“, erläutert Expertin Schnadt. „Besonders während ihrer ,Hauptsaison‘ müssen einige Heuschnupfen-Patienten deshalb bestimmte Lebensmittel, die solche Kreuzallergien hervorrufen können, meiden.“ Ein Rat, den Elke Walkenhorst heute beherzigt. Außerdem hat sie stets ein Notfallset mit einem selbst injizierbaren Adrenalinpräparat, einem Antihistaminikum, Cortison und einem Asthmaspray bei sich (siehe Box Seite 33).

Leben wir zu sauber?

Die Zahl der Allergiker hat in den Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen, darin sind sich die Experten einig. Woran das liegt, ist allerdings umstritten. „Eine mögliche Erklärung ist die Hygienehypothese“, erklärt Professor Ring aus München. „Dadurch, dass unsere Umgebung sauberer und keimfreier ist als je zuvor, hat unser Immunsystem nicht mehr genug zu tun – und sucht sich neue Gegner.“ Indiz für diese These: Wissenschaftler fanden heraus, dass Allergien in Regionen mit einfacheren hygienischen Standards seltener vorkommen.
Ein weiterer wichtiger Faktor sind die veränderten Ernährungsgewohnheiten. „Vieles, was Lebensmittelallergien auslöst, stand vor 50 Jahren in Deutschland und Österreich schlicht nicht auf dem Speiseplan – etwa Erdnüsse, Kiwis oder Soja“, sagt der Kölner Allergologe Rietschel. „Heute dagegen sind Erdnüsse beispielsweise fast überall enthalten.“ Gerade Kleinkinder bekämen solch „harte Kost“ häufig schon zu essen, obwohl ihr Immunsystem noch nicht ausgereift sei. Auch die Gene spielen eine Rolle. „Wenn die Eltern Allergiker sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs auch damit zu kämpfen hat“, berichtet Professor Ring.

Keine einfache Diagnose

Lebensmittelallergien sind nicht leicht zu diagnostizieren. „Zum einen ist es schwer, aus einer Fülle von Zutaten eine oder mehrere Substanzen herauszufiltern, welche die Beschwerden verursachen“, sagt Tamar Kinaciyan, Assistenzprofessorin an der Klinik für Dermatologie der Medizinischen Universität Wien. Zum anderen treten die allergischen Reaktionen manchmal nur in Kombination mit weiteren Faktoren auf, beispielsweise bei körperlicher Anstrengung. „Daher ist die Diagnose oft wahre Detektivarbeit“, sagt die Expertin.
Die in die Hände von Fachleuten gehört. Umso bedenklicher ist die Beobachtung von Professor Werner Aberer von der Universitätshautklinik der Medizinischen Universität Graz: „Jeder dritte Anaphylaxie-Patient, der die Notambulanz aufsucht, war noch nie beim Allergologen. Und leider werden die Betroffenen auch längst nicht immer im Anschluss an die Notarztbehandlung an einen Experten weiterverwiesen.“
Diese Erfahrung musste auch Corinna Wagner* aus Baden-Württemberg machen. Als ihre Tochter sich im Alter von einem Jahr zum ersten Mal ein Stückchen Brot in den Mund schiebt, beginnt sie heftig zu husten, bekommt einen Hautausschlag und schnupfenähnliche Symptome. Beim Kinderärztlichen Notdienst erhält die Mutter telefonisch den Rat, sie solle ein Juckreiz stillendes Medikament verabreichen. „Mir wurde weder geraten, in die Klinik zu gehen, noch einen Spezialisten aufzusuchen“, erinnert sich Wagner. „Nach und nach fand ich allein heraus, worauf meine Tochter so heftig reagierte: Es waren bestimmte Getreidesorten wie Dinkel und Roggen.“ Die Familie wechselt zu einem allergologisch geschulten Kinderarzt, der mit dem Mädchen eingehende Tests macht. Die Diagnose: Das Kind hat eine schwere Lebensmittelallergie gegen Gluten.

Hoffnung für die Zukunft

Blut- und Hauttests können eine Sensibilisierung gegen einzelne Nahrungsmittel nachweisen. Der Arzt kann aber nur finden, wonach er fahndet. „Versuchen Sie sich als Patient so genau wie möglich zu erinnern, was Sie vor einer allergischen Reaktion gegessen haben – und teilen Sie das dem Arzt unbedingt mit“, rät Professor Aberer aus Graz.
Der Goldstandard unter den Tests ist allerdings nach wie vor der Provokationstest. Dabei wird der Patient über mehrere Tage hinweg per Nahrungsaufnahme oder über Injektion verschiedenen Allergenen ausgesetzt – unter ständiger medizinischer Aufsicht und in einer Klinik.
Zwar arbeiten Wissenschaftler daran, Impfstoffe gegen bestimmte Allergene zu entwickeln – ähnlich denen, die es heute bereits gegen Heuschnupfen gibt. „Aber noch ist das Zukunftsmusik“, erklärt Assistenzprofessorin Kinaciyan aus Wien. „Sobald einmal die Diagnose Lebensmittelallergie feststeht, heißt es deshalb: Allergene konsequent meiden – möglichst in Absprache mit einem Ernährungswissenschaftler – und immer ein Notfallset mit sich führen.“
Beate Schöller aus Bielefeld hat ihr Set seit zehn Jahren immer dabei. Sie weiß die Sicherheit, die ihr die Medikamente für den Notfall geben, zu schätzen. Aber sie weiß auch, was sie entbehrt: „Für die meisten Menschen ist Essen etwas Schönes, Entspannendes. Sie fühlen sich wohl dabei. Für mich ist Essen immer ein Risiko.“

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2 Kommentare

Friedlinde Dörre on 14 September 2010 ,10:53

Den Artikel über Allergien fand ich sehr gut. Ich leide auch unter einer Medikamenten- und Nahrungsallergie. Die Nahrungsallergie wird erst getestet.I ch war im Urlaub, da habe ich nur darauf geachtet, dass alles mit Pfeffer und Salz gekocht wurde. Es ging alles gut. Mit frdl. Gruss F.Dörre

Helmut Glüsing on 17 Juli 2010 ,10:29

Sehr geehrte Damen und Herren, Ihr Artikel fand ich überaus interresant.,aber eine Begebenheit muss ich Ihnen schildern. Meine Frau und meine Tochter leiden beide sehr stark unter Pollenallergie vieler Pflanzen und besonders Gräserpollen. Wird in unserer Nachtbarschaft Rasen gemäht, müssen alle Fenster für mehrere Stunden geschlossen werden. Und nun das Phänomen: Wir waren im letzten Jahr in Salzburg im Urlaub auf einem Campingplatz. Unmittelbar davor lag eine grosse Wiese, die wir durchqueren mußten, um in die Stadt zu gelangen. Eines morgens wurde die Wiese gemäht. Wir duchquerten die Wiese während der Mähphase. Und siehe da, keine allergische Reaktion bei meinen beiden Damen. Eine Erklärung konnte uns dato kein Arzt geben. Auch beim Rasenmähen auf einem Cämpingplatz bei Wien keine allergische Reaktion, selbst beim Mähen direkt neben unserem Wohnmobil. Vielleicht erfahre ich ja auf diesem Weg, wie so etwas möglich ist. Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar Mit frdl Gruss Helmut Glüsing

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